Kuno Heribert Vollet    


Kuno Vollet und David Lynch, Los Angeles, 2012



Cover Mundusmagazin


 

Life is balance

David Lynch, Kuno Vollet und die Kunst der absichtslosen Kreativität
Mundus Magazin 4/2013, von LENA NAUMANN

„Intuition is seeing the solution – seeing it, knowing it. It´s emotion and intellect going together“, beschreibt David Lynch eine essentielle Fähigkeit für erfolgreiches Filmemachen. Der Regisseur, Produzent, Drehbuchautor, Maler, Fotograf, Schauspieler und Komponist Lynch gilt wie kaum ein Anderer als Inbegriff des Universalkünstlers und kreativen Menschen. Seine Filme, darunter so bekannte Werke wie Blue Velvet, Wild at Heart, Mulholland Drive oder Twin Peaks, wurden mit mehr als achtzig hochrangigen Nominierungen und Preisen geehrt, viele seiner Musikalben feierten große Erfolge, und seine Arbeiten aus dem Bereich der bildenden Kunst wurden seit 1967 in sechzehn großen internationalen Einzelausstellungen gezeigt, darunter auch 2012 in der Münchner Galerie Karl Pfefferle.

Das künstlerische Werk von David Lynch ist nicht zu verstehen ohne seine langjährige Erfahrung in Transzendentaler Meditation (TM), einer Meditationstechnik, die seit den 1950er Jahren vom Inder Maharishi Mahesh Yogi gelehrt und in aller Welt verbreitet wurde. Beim Praktizieren der TM lässt der Meditierende die Gedankenaktivität gänzlich los. So wird es ihm möglich, den Zustand reinen Bewusstseins zu erfahren. Genau dieser Zustand ist für Lynch wie für viele andere kreative Menschen eine unerschöpfliche Quelle, aus der heraus sich Inspirationen und Intuitionen entfalten können. Es entwickelt sich eine geistige Haltung, die am ehesten mit dem Begriff der Balance zu beschreiben ist.

Balance im künstlerischen Werk von Kuno Vollet

David Lynch und Kuno Vollet, der in den vergangenen Jahren vor allem durch seine Serie der Gold-Bilder bekannt geworden ist, haben viele Gemeinsamkeiten. Beide sind bildende Künstler, beide praktizieren TM, beide sind einander verbunden durch die persönliche Bekanntschaft mit Maharishi und trafen sich im April auf Einladung David Lynchs in Los Angeles in seinem Studio. In beider Werk spielt die Haltung des loslassenden, gelassenen, absichtslosen Schaffens eine zentrale Rolle. Dies bedeutet keineswegs, den künstlerischen Prozess dem Zufall zu überlassen. Die Art der Kreativität, die Lynch und Vollet praktizieren, wird am besten wiedergegeben mit einer Formel der taoistischen chinesischen Philosophie: Wu wei. Wörtlich übersetzt heißt es Nichthandeln oder Tun durch Nichttun, was nicht zu verwechseln ist mit Nichtstun. Beim Nichttun bleibt nichts ungetan, der Schaffende ist nicht träge, entschlusslos oder lässig. Er bildet und gestaltet höchst aktiv, indem er in größter Wachheit, Sensibilität und Bewusstheit auf die Impulse horcht, die sich ihm durch die Erfahrung der Transzendenz eröffnen und als deren Quelle er das Tao erlebt, wie es die chinesischen Philosophen nennen. Physiker sprechen lieber vom Begriff des Unified Field. Doch wie auch immer man die letzte Quelle künstlerischer Inspiration und Intuition bezeichnen mag: Künstler wie Lynch und Vollet machen die Erfahrung, dass ihre Ideen nichts „Selbstgemachtes“ sind – und machbar sind sie schon gar nicht. Dass sie vielmehr aus einer tieferen Ebene entspringen als der persönlichen, individuellen. Wie das abläuft, beschreibt David Lynch in seinem Buch Catching the Big Fish – Meditation, Consciousness and Creativity: „The idea is the whole thing. If you stay true to the idea, it tells you everything you need to know really. You just keep working to make it look like that idea looked, feel like it felt, sound like it sounded, and be the way it was.“

Das Verfolgen einer Idee in die Realisierung eines Films oder eines Kunstwerks braucht die Haltung des lassenden Ergreifens, dazu innere Flexibilität, Beobachtung der Eigendynamik des Prozesses, ein manchmal zartes, manchmal entschiedenes, immer aber auch offenes Steuern aller Abläufe, letztlich das Einswerden von Künstler und Idee, Schaffendem und Geschaffenem. Wer der Eigendynamik einer künstlerischen Idee Raum geben kann, macht gleichzeitig die Erfahrung, wie einfach die Arbeit wird und wie wenig Kraft sie erfordert. Dann wird das Unmögliche möglich wie das Reiten des Surfers auf der Welle und der Gang des Tänzers über das hochgespannte Drahtseil. Menschsein, Künstlersein als Seiltanz, die Darstellung des Leichten im vermeintlich Schweren durch Balance ist ein zentraler Aspekt auch im jüngeren künstlerischen Werk von Kuno Vollet, dem er als Thema mit Variationen in vielfältiger Weise Ausdruck verleiht.

Gehaltensein im Fallen

Haben wir die Zeit oder sind wir nicht vielmehr Zeit? Zeit ist kein Objekt, das der Mensch besitzen kann, vielmehr vollzieht sich die Zeit im Fühlen, Denken und Handeln des Individuums, in seinem Geborenwerden, Altern und Sterben. Zeit lässt sich nicht anhalten und doch steht sie ständig still. Denn Vergangenheit und Zukunft besitzen keine wirkliche Realität: das eine ist vorbei, das andere noch nicht da. Da, existent, vorhanden ist immer nur das Jetzt, wie kurz oder ausgedehnt auch immer man es definieren mag. Im Jetzt herrscht vollkommene Ruhe, es ist der Stillstand der Zeit im Wirbelsturm von Vergangenheit und Zukunft gleich dem Stillstand des Windes im Auge des Tornados. Das Jetzt ist ein Balanceakt zwischen dem Früher und dem Später.

In seinem Bild Fallende Steine thematisiert Kuno Vollet diesen Balanceakt des Jetzt. Wie kann etwas so Schweres so leicht wirken? Wie kann es scheinbar anhalten, obwohl die Schwerkraft die Masse der Kiesel nach unten zieht? Die Antwort ist einfach: Das Bild zeigt nur ein einziges Jetzt – eine von vielen Gegenwärtigkeiten, die sich ablösen beim Fallen der Steine aus der Höhe nach unten. Stillstand und Bewegung sind eins und der Maler balanciert zwischen beiden.

Ähnlich verhält es sich mit den Schwebenden Blättern, in denen kleine weiße Papierchen auf ihrem gleitenden Flug nach unten für einen Moment optisch zum Stillstand kommen. Das Thema wird weiterentwickelt im Rheingold-Mobile. Kuno Vollet, in Bayreuth aufgewachsen, setzt mit den schwebenden Noten einer Oper aus Wagners Ring des Nibelungen das Schweben akustischer Wellen in schwebende optische Schwingungen um. An dreizehn kreisförmig angeordneten, kaum sichtbaren Fäden prangt ein Teil von Wagners Ring in der Farbe des Rheingolds und verleiht in dieser Verwandlung der oft schweren Musik eine neue Form von Leichtigkeit.

In diesen Arbeiten geht es um etwas grundsätzlich Anderes als bei der kinetischen Kunst eines Alexander Calder, wo Bewegung als zentraler ästhetischer Bestandteil des Kunstwerks gedacht ist. In den Werken von Kuno Vollet geht es um die Vereinigung von Gegensätzen, die sich bei Bewegung normalerweise ausschließen: Fallen und Innehalten, Schweben und Feststehen. Calder arbeitete mit der Bewegung, Vollet hinterfragt sie. Calder beschäftigte sich mit den Gesetzen der Mechanik, Vollet mit denen der Philosophie jenseits der Physik. Die kinetische Kunst von Kuno Vollet besitzt etwas Surreales in dem Sinne, dass sie die Realität hinter dem Realen auslotet und andeutend in eine Bildsprache umsetzt. Seine Werke verweisen auf eine Wirklichkeit, die sich nicht mehr intellektuell fassen, sondern nur noch fühlen und erfahren lässt.

Homepage David Lynch





Cover des Buches GOLDWORKS mit Arbeiten von Kuno Vollet – erschienen im Mundus-Verlag



Cover Mundusmagazin


 

Universen lebendiger Stille

Die abstrakten Goldarbeiten von Kuno Heribert Vollet

Materiam superabat opus – Das Werk übertraf das Material, schreibt Ovid in seinen Metamorphosen über die vom Gott der Schmiedekunst, Vulcanus, gefertigten kunstvollen Metalltüren am Palast des Apoll. Mit dieser Feststellung begann eine kunsttheoretische Debatte, die bis ins 20. Jahrhundert reichte. Das Mittelalter postulierte zwar lange Zeit die Aussage „ars auro prior – die Kunst steht höher als das Gold“, doch ließ schon im 12. Jahrhundert der Abt Suger über den Eingang seiner Kirche die Mahnung meißeln, der Besucher möge doch nicht zuerst das Gold des Portals bewundern, sondern die Mühe des Werkes. Wann immer Gold als edelstes aller Metalle in einem Kunstwerk verwendet wurde, schien es zwischen dem Werkstoff und der Art seiner Ausführung eine Konkurrenzsituation zu geben, die sich entweder zugunsten des Goldes oder zugunsten der künstlerischen Leistung entschied. In der Renaissance kam die Verwendung des Goldes in der Kunst zunehmend aus der Mode.
Leon Battista Alberti schrieb im zweiten Buch seines 1436 erschienenen Traktates De pictura: „Es gibt Maler, die in ihren Bildern viel Gold verwenden, weil sie meinen, das verleihe diesen Erhabenheit. Ich kann das nicht loben.“ In der Folgezeit schätzte man Kunstfertigkeit höher ein als den Wert des verwendeten Werkstoffes. Diese Haltung wandelte sich erst im 19. Jahrhundert, als man die physische Beschaffenheit des Materials bewusster zu nutzen begann, um mit ihr das geistige Konzept noch deutlicher herauszuarbeiten – ein Prozess, der im 20. Jahrhundert so weit voranschritt, bis auch wertlose und vergängliche Materialien, z. B. einfache Gebrauchs- und Alltagsgegenstände, als kunstwürdig erklärt wurden und sich zum Träger einer künstlerischen Idee entwickelten.

In dieser Traditionslinie steht ein Künstler, dessen Arbeiten jegliches Entweder-Oder zwischen Material und Idee weit hinter sich lassen: selten verschmolzen Werkstoff und Werk, Physisches und Geistiges so untrennbar miteinander wie in den abstrakten Goldarbeiten des Malers Kuno Vollet. In seinen Bildern dient das Gold einer transzendenten Idee, die wiederum durch kein anderes Material adäquater zum Ausdruck gebracht werden könnte als durch das göttlichste aller Metalle.

Bewusstseinserweiterung als Inspirationsquelle

Kuno Vollet wurde 1951 im oberfränkischen Petersaurach geboren. Seine zeichnerischen und malerischen Begabungen zeigten sich schon sehr früh. Der Vater, Oberstadtbaurat von Bayreuth, förderte das künstlerische Talent seines Sohnes von Anfang an. Eine Kunstausstellung in Nürnberg zum Thema Gold im Jahr 1965 hinterließ bei Kuno Vollet einen nachhaltigen Eindruck. Von da an war er von Schönheit und künstlerischem Potential dieses Materials fasziniert. Es besaß einen nicht unerheblichen Anteil an seiner Entscheidung für den Beruf des freischaffenden Künstlers. Von 1969 bis 1973 besuchte Kuno Vollet die Kunsthochschule Kassel, wo er Malerei, Design, Druckgrafik und Keramik studierte.

Entscheidende Impulse für seine künstlerische Arbeit entstammen aber nicht nur dem Kunststudium, sondern kamen auch zum Vorschein durch die Begegnung mit Maharishi Mahesh Yogi in den 1970er Jahren. Maharishi, indischer Lehrer des Yoga und der vedischen Philosophie, begründete die bis heute weltweit praktizierte Methode der Transzendentalen Meditation, mit der er 1955 erstmals an die Öffentlichkeit trat und bis zu seinem Tod 2008 Millionen Menschen weltweit, darunter auch viele Kulturschaffende inspirierte, so die Beatles, die Beach Boys, Donovan, Clint Eastwood, Oprah Winfrey und David Lynch. Durch das Praktizieren der Transzendentalen Meditation macht der Künstler Kuno Vollet die Erfahrung kosmischer Einheit im Zustand ruhevoller Wachheit und lässt diese Ruhe in seinen Kunstwerken lebendig werden.

Harmonie und Symmetriebruch

Die abstrakten Goldarbeiten von Kuno Vollet haben einen mehrschichtigen Aufbau. Die Leinwand oder Holzplatte wird zunächst mit mehreren Farbschichten behandelt, die durch unterschiedliche Trocknungszeiten Krakelee, also Brüche und Risse, entstehen lassen, die den entstehenden Bildern ihre antike Anmut verleihen. Sie sind eine Referenz an die japanische Philosophie des Wabi-Sabi. Hierbei handelt es sich um ein ästhetisches Konzept, in das der Alterungs- und Verfallsprozess integriert und nicht ausgegrenzt ist, wie es in der westlichen Kunst bis ins 20. Jahrhundert hinein der Fall war.

Erst wenn der Untergrund durchgetrocknet ist, werden anschließend die entstandenen Strukturen und Flächen mit Blattgold überzogen. Vollet verwendet keine Goldfarbe sondern ausschließlich Blattgold oder Schlagmetallgold. Nach der ersten Vergoldung werden weitere Schichten mit Farbe, Gold oder Leim-Sand-Mischungen aufgetragen und teilweise wieder entfernt, um dem Bild weitere Facetten zu geben. Durch diesen Arbeitsvorgang der Herausarbeitung unterschiedlicher Strukturen und Oberflächen – glänzend, matt, rau oder poliert - lässt Kuno Vollet das Bild im Wechsel des Lichtes unterschiedlich schimmern. Neben Gold verwendet derKünstler auch Silber, Kupfer und Eisen. Durch Oxidation oder Polierung dieser Metalle entstehen neuartige Farbschattierungen, z. B erhält das Rot des Kupfers durch die Oxidation eine grüne Patina. Hinter jedem Bild steht ein mehrtägiger bis mehrwöchiger Arbeitsprozess.
Bei der Komposition der Oberflächenstrukturen geht Kuno Vollet meditativ vor. Seine Bilder sind nicht geplant oder konstruiert. Schon das Krakelee ist ein Zufallsprozess. Von der Struktur des Untergrundes ausgehend lässt sich der Künstler zu Kompositionselementen leiten, die dem Bild Ruhe und Dynamik geben, beides zugleich. Seine Arbeiten atmen eine lebendige Stille. Sie sind das Ergebnis einer künstlerischen Lebenshaltung, die nicht zuletzt durch die Transzendentale Meditation zu einem Einklang mit der Welt gefunden hat und zu einem inneren Frieden, der in Künstlerkreisen eher selten zu finden ist und
sich auch auf den Betrachter überträgt.

Bei der Komposition seiner Goldarbeiten lässt sich Kuno Vollet auch von einem klassischen Harmonieverständnis leiten: Die griechische Göttin Harmonia war ein Kind von Ares und Aphrodite, dem Gott des Krieges und der Göttin der Liebe. Harmonie entsteht aus der spannungsreichen Auseinandersetzung zweier entgegengesetzter Pole. Bei der Entwicklung seiner Kompositionen bricht der Künstler Vollet deshalb symmetrische Strukturen auf, um darüber jene lebendige Harmonie zu erzielen, die seine Werke zu zeitlosen Kunstwerken erhebt und den Blick magnetisch anzieht.

Das Mittelalter kannte den Goldgrund für seine Christus-, Madonnen- und Heiligenikonen. Die Goldarbeiten von Kuno Vollet sind Sakralwerke der Moderne, Ikonen einer überkonfessionellen Spiritualität, Altarbilder des Alltags für Menschen, die sich einer das Irdische transzendierenden Seinsebene bewusst sind. Kunsthistorisch stehen die Werke Vollets in der Tradition berühmter Goldarbeiten des 20. Jahrhunderts, sei es Gold painting von Robert Rauschenberg (1953), Yves Kleins Monogold-Tafeln (1959/61), Gold Marilyn von Andy Warhol (1962) oder Werken wie Concetto Spaziale, Attese (1962) von Lucio Fontana und Roni Horns Gold Field (1980/82). Von diesen Arbeiten unterscheiden sich die Werke Vollets allerdings durch eine ganz eigene Qualität: sie sind das Ergebnis eines Bewusstseins, welches sich aus einer existentiellen, überzeitlichen Quelle speist und damit jene Ruhe vermittelt, die den Betrachter im Augenblick ankommen lässt.

Lena Naumann
Chefredakteurin des Kunstmagazins mundus





Mobile 9 mundgeblasenes Glas mit oxidierten Messingstäben 250 x 250 cm


 

Kuno Heribert Vollet bei GERDI GUTPERLE 2016

Die künstlerische Auseinandersetzung von Kuno Heribert Vollet ist ein beständiges Weiter...

Außergewöhnliche Materialität verdichtet der 1951 im oberfränkischen Petersaurach geborene Künstler in zwei- und dreidimensionalen Werken. Der Verdichtungsprozess folgt dabei häufig klassischen Techniken, der Malerei und der Skulptur, aber auch der Installation oder den Perpetuum Mobile.
Die pure Kraft und unmittelbare Wirkung von Farben, Formen und besonderen Werkstoffen unterstützt die Inszenierung von Raum in diesem Oeuvre, ermöglicht ungewöhnliches Spiel mit Illusion und Reflexion. Dabei geht es dem Künstler nicht darum, die Ungewöhnlichkeit der Materialien, die er verwendet, zu zelebrieren. Vielmehr ist es sein selbstverständlicher Umgang mit Metallen wie Blattgold, Silber, Bronze und Eisen oder Aquarell-, Pastell- und Acrylfarben, die eine neuartige Wahrnehmung der geschaffenen Objekte erlaubt.
Kuno Vollet kommt es in seiner Arbeit nicht auf die getreue Wiedergabe von Realität an, sondern um die Inszenierung faszinierender Welten lebendiger Stille. Er ist ein Meister im "Dazwischen". Virtuos bedient sich der Künstler unterschiedlichster Medien und Techniken, um dem Facettenreichtum seines Könnens Sichtbarkeit zu verleihen. Die subtile Zeitlosigkeit dieser Kunst spiegelt sich in den abstrakten Goldmalereien, fiktiven Landschaftsdarstellungen oder Messingskulpturen Kuno Vollets ebenso wider, wie in den Wolken- und Steinkompositionen oder den neuesten bildhauerischen Arbeiten aus Bronze und Eisen, die bezeichnenderweise den Titel "Schwerelos" tragen. Der Künstler möchte, dass sich der Betrachter nicht leersieht, sondern seine subjektive Wahrnehmung die Werke immer wieder verändert.

Alles ist ständig Transformation, ohne Anfang, ohne Ende. Durch ein Studium im Bereich der Bewusstseinsforschung hat sich der Künstler nicht nur im persönlichlichen Bereich weiterentwickelt, sondern die Erfahrung der spirituellen Dimension des Lebens beeinflusst auch seine künstlerische Auseinandersetzung nachhaltig: Kuno Vollet ist unabhängig geworden von fremden Themen, Ideen und Stilen – er hat eine ganz eigenständige und eindrückliche Bild- und Formensprache gefunden, in der das Streben nach Harmonie und Balance sowie eine Haltung des absichtslosen Schaffens eine zentrale Rolle spielen. In der aktuellen Serie Creatio Continua nimmt der Maler und Bildhauer noch direkter Bezug auf ein Urmuster des Universums: den Kreis. Vollet kreiert in dieser Werkgruppe anmutige Sinnbilder der Schöpfung, in kreisrunder Form auf Leinwand gebannt oder als Keramikplatten gestaltet – eine Ode an das Leben und den Kosmos.

Der berühmte amerikanische Regisseur, Produzent, Maler und Fotograf David Lynch, mit dem Kuno Vollet seit Jahren freundschaftlich verbunden ist und der wie Vollet Transzendentale Meditation praktiziert, fasst die Innovationskraft des deutschen Künstlers folgendermaßen zusammen: "Es ist eine wunderbare Kunst, die Du schaffst und sie lässt Menschen träumen. Kunos Kunst ist erstaunlich, wunderschön und tiefsinnig – elegant und malerisch ein wirklich großes Werk."

Britta Acquistapace
Kunstwissenschaftlerin







 

Ein Spiel wird lesbar

Bücher, die einen geprägt haben, könnte man eigentlich weg schenken. Man liest sie nicht mehr, muss sie nicht mehr lesen, denn sie stecken in einem selber drin. Im Regal stehen sie noch, gemeinsam mit den Hunderten, Tausenden, die später kamen, als Erinnerung daran, was Lesen einmal war, oder als Mahnung, was Lesen sein sollte. Betrachtet man ihren Rücken, geht immer noch ein besonderes Leuchten von ihnen aus. Manchmal wird, wie beim Geschmack jener in Tee getränkten Madeleines bei Marcel Proust, eine unwillkürliche Erinnerung hervorgerufen. An eine bestimmte Lebenssituation, den Beginn oder das Ende einer Beziehung etwa, einem Bruch, einem Neubeginn. Oder an den Augenblick einer bedeutenden Erkenntnis, an einen Gedankenblitz, eine Wende im Kopf, das Erreichen eines neuen Levels im Spiel unserer Biografie.

Nehmen wir Schiller, den Klassiker unter meinen Lieblingsbüchern. Vom „Doppelsinn des Lebens“ spricht sein Wallenstein im berühmten Monolog. Er meint damit die grundlegende Paradoxie, mit jeder Tat den Spielraum des Tuns einzuschränken, mit jeder Entscheidung für einen bestimmten Weg andere auszuschließen. „Wär''s möglich? Könnt'' ich nicht mehr, wie ich wollte? / Nicht mehr zurück, wie mir''s beliebt?“ Als ich Anfang zwanzig war, und im Studium erstmals auf die klassischen Dramen Schillers und Goethes stieß, da erzeugten Verse wie diese eine verblüffende Erkenntnis. Aber noch verblüffender, für einen literarischen Spätzünder und Bildungsaufsteiger wie mich jedenfalls, war die Erfahrung, dass solche existenziellen Fragen des Lebens überhaupt in Büchern, in Dramen, in Romanen, in Gedichten verhandelt wurden. Dass ein gut zwei Jahrhunderte alter Text, ein Bildungsgut, nicht nur Zugang zu einer akademischen Elite verschaffte, sondern selbst ein echtes Bildungserlebnis sein konnte. Jeder Leser hatte angeblich eine Hesse-Phase oder eine Tolkien-Phase (heute vielleicht eher eine Harry-Potter-Phase), ich hatte eine Schiller-Phase. Die ging allerdings bald in die Max-Frisch-Phase über.

Das war kein Zufall, denn Frisch arbeitete sich zeitlebens an Wallensteins Problem ab: dass jede Verwirklichung die Möglichkeiten einschränkt und selbst ein bloßes Rollenspiel Fakten schafft: Weil wir werden, was die anderen in uns sehen. Frischs Drama „Biografie: Ein Spiel“ ist ein Experiment, bei dem die Hauptfigur die Möglichkeit bekommt, vergangene Lebensentscheidungen zu revidieren, tatsächlich ungeschehen zu machen, mit allen Konsequenzen. Und er stellt fest, dass sein Leben doch immer wieder auf die gleiche existenziell schiefe Bahn gerät. „Mein Name sei Gantenbein“ war der späte Roman, in dem Frisch die Themen seines Lebens zusammenfasste: Wie sehr wählen wir unser eigenes Leben? Bestimmen wir wirklich, was wir sind, oder verklären wir nachträglich die Zufälligkeit des Lebens, die Bedingungen der Herkunft und die Schicksalsschläge zu einer inneren Folgerichtigkeit, zu einer heroischen Selbstbestimmung gegen alle Widerstände?

Viele meiner Lieblingsbücher arbeiten sich an solchen Fragen ab: Der große Niederländer A.F.Th. van der Heijden beispielsweise, von dessen Romanen hier nur einer als Teil für das Ganze steht. Geschichten vom Erwachsenwerden haben mich stets fasziniert, ebenso wie solche vom späten Wiederbegegnungen mit der eigenen Jugend, etwa in Iris Murdochs Meisterwerk „Das Meer, das Meer“ oder Martin Klugers „Abwesende Tiere“. Auch Gedichte sind unter den Lieblingsbüchern, von Gottfried Benn, von Sarah Kirsch und Marion Poschmann, hier ist es manchmal nur eine Zeile oder ein Bild, die in einem unerwarteten Moment ins Bewusstsein schießen.

Einzelne Werke war nachdrückliche Bildungserlebnisse, in intellektueller wie politisch-moralischer Hinsicht: Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Elias Canettis Autobiografie „Die gerettete Zunge“ oder Ruth Klügers erschütternde Erinnerungen an ihre Jugend im Konzentrationslager. Andere wiederum lehrten den angehenden Kritiker die Möglichkeiten der Sprache und des Erzählens – wie Vladimir Nabokov und Claude Simon. Schließlich gibt es noch jene, den vermeintlich routinierten Profileser erst in jüngerer Zeit kalt und auf dem falschen Fuß erwischten. Zuletzt war das bei Clemens J. Setz der Fall oder beim Norweger Karl Ove Knausgård. Und wenn das nicht hin und wieder geschehen würde, dann hätte ein Kritiker wohl seine Berufung verfehlt.

Ein Gemälde mit Büchern ist ein Paradox. Die abstrakt in Sprache und Erzählung verschlüsselten Inhalte kann die unmittelbare Sinnlichkeit der Malerei nur verfehlen. Aber es geht gar nicht um das einzelne Werk. Auch eine gemalte Liste ist als Kunstwerk mehr als die Summe seiner Teile. Ist ein Stillleben mit Lieblingswerken nicht eigentlich ein Porträt des Lesers, ein Blick in sein Gehirn, auf dem mehr zu erkennen ist als auf jeder Computertomografie? Wenn ich das Bild betrachte, dann entsteht in meinem Kopf wieder ein neues Buch: meine Lesensgeschichte, meine Lebensgeschichte.

Richard Kämmerlings, geboren 1969 in Krefeld, arbeitet seit zwanzig Jahren als Literaturkritiker. Er ist Redakteur der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“ und leitet die Beilage „Die literarische Welt“. 2011 erschien sein Buch „Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ’89“.', 'Bücher, die einen geprägt haben, könnte man eigentlich weg schenken. Man liest sie nicht mehr, muss sie nicht mehr lesen, denn sie stecken in einem selber drin. Im Regal stehen sie noch, gemeinsam mit den Hunderten, Tausenden, die später kamen, als Erinnerung daran, was Lesen einmal war, oder als Mahnung, was Lesen sein sollte. Betrachtet man ihren Rücken, geht immer noch ein besonderes Leuchten von ihnen aus. Manchmal wird, wie beim Geschmack jener in Tee getränkten Madeleines bei Marcel Proust, eine unwillkürliche Erinnerung hervorgerufen. An eine bestimmte Lebenssituation, den Beginn oder das Ende einer Beziehung etwa, einem Bruch, einem Neubeginn. Oder an den Augenblick einer bedeutenden Erkenntnis, an einen Gedankenblitz, eine Wende im Kopf, das Erreichen eines neuen Levels im Spiel unserer Biografie.

Nehmen wir Schiller, den Klassiker unter meinen Lieblingsbüchern. Vom „Doppelsinn des Lebens“ spricht sein Wallenstein im berühmten Monolog. Er meint damit die grundlegende Paradoxie, mit jeder Tat den Spielraum des Tuns einzuschränken, mit jeder Entscheidung für einen bestimmten Weg andere auszuschließen. „Wär''s möglich? Könnt'' ich nicht mehr, wie ich wollte? / Nicht mehr zurück, wie mir''s beliebt?“ Als ich Anfang zwanzig war, und im Studium erstmals auf die klassischen Dramen Schillers und Goethes stieß, da erzeugten Verse wie diese eine verblüffende Erkenntnis. Aber noch verblüffender, für einen literarischen Spätzünder und Bildungsaufsteiger wie mich jedenfalls, war die Erfahrung, dass solche existenziellen Fragen des Lebens überhaupt in Büchern, in Dramen, in Romanen, in Gedichten verhandelt wurden. Dass ein gut zwei Jahrhunderte alter Text, ein Bildungsgut, nicht nur Zugang zu einer akademischen Elite verschaffte, sondern selbst ein echtes Bildungserlebnis sein konnte. Jeder Leser hatte angeblich eine Hesse-Phase oder eine Tolkien-Phase (heute vielleicht eher eine Harry-Potter-Phase), ich hatte eine Schiller-Phase. Die ging allerdings bald in die Max-Frisch-Phase über.

Das war kein Zufall, denn Frisch arbeitete sich zeitlebens an Wallensteins Problem ab: dass jede Verwirklichung die Möglichkeiten einschränkt und selbst ein bloßes Rollenspiel Fakten schafft: Weil wir werden, was die anderen in uns sehen. Frischs Drama „Biografie: Ein Spiel“ ist ein Experiment, bei dem die Hauptfigur die Möglichkeit bekommt, vergangene Lebensentscheidungen zu revidieren, tatsächlich ungeschehen zu machen, mit allen Konsequenzen. Und er stellt fest, dass sein Leben doch immer wieder auf die gleiche existenziell schiefe Bahn gerät. „Mein Name sei Gantenbein“ war der späte Roman, in dem Frisch die Themen seines Lebens zusammenfasste: Wie sehr wählen wir unser eigenes Leben? Bestimmen wir wirklich, was wir sind, oder verklären wir nachträglich die Zufälligkeit des Lebens, die Bedingungen der Herkunft und die Schicksalsschläge zu einer inneren Folgerichtigkeit, zu einer heroischen Selbstbestimmung gegen alle Widerstände?

Viele meiner Lieblingsbücher arbeiten sich an solchen Fragen ab: Der große Niederländer A.F.Th. van der Heijden beispielsweise, von dessen Romanen hier nur einer als Teil für das Ganze steht. Geschichten vom Erwachsenwerden haben mich stets fasziniert, ebenso wie solche vom späten Wiederbegegnungen mit der eigenen Jugend, etwa in Iris Murdochs Meisterwerk „Das Meer, das Meer“ oder Martin Klugers „Abwesende Tiere“. Auch Gedichte sind unter den Lieblingsbüchern, von Gottfried Benn, von Sarah Kirsch und Marion Poschmann, hier ist es manchmal nur eine Zeile oder ein Bild, die in einem unerwarteten Moment ins Bewusstsein schießen.

Einzelne Werke war nachdrückliche Bildungserlebnisse, in intellektueller wie politisch-moralischer Hinsicht: Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Elias Canettis Autobiografie „Die gerettete Zunge“ oder Ruth Klügers erschütternde Erinnerungen an ihre Jugend im Konzentrationslager. Andere wiederum lehrten den angehenden Kritiker die Möglichkeiten der Sprache und des Erzählens – wie Vladimir Nabokov und Claude Simon. Schließlich gibt es noch jene, den vermeintlich routinierten Profileser erst in jüngerer Zeit kalt und auf dem falschen Fuß erwischten. Zuletzt war das bei Clemens J. Setz der Fall oder beim Norweger Karl Ove Knausgård. Und wenn das nicht hin und wieder geschehen würde, dann hätte ein Kritiker wohl seine Berufung verfehlt.

Ein Gemälde mit Büchern ist ein Paradox. Die abstrakt in Sprache und Erzählung verschlüsselten Inhalte kann die unmittelbare Sinnlichkeit der Malerei nur verfehlen. Aber es geht gar nicht um das einzelne Werk. Auch eine gemalte Liste ist als Kunstwerk mehr als die Summe seiner Teile. Ist ein Stillleben mit Lieblingswerken nicht eigentlich ein Porträt des Lesers, ein Blick in sein Gehirn, auf dem mehr zu erkennen ist als auf jeder Computertomografie? Wenn ich das Bild betrachte, dann entsteht in meinem Kopf wieder ein neues Buch: meine Lesensgeschichte, meine Lebensgeschichte.

Richard Kämmerlings, geboren 1969 in Krefeld, arbeitet seit zwanzig Jahren als Literaturkritiker. Er ist Redakteur der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“ und leitet die Beilage „Die literarische Welt“. 2011 erschien sein Buch „Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit '89"

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Galerie artroom 21, 2015

Die junge Galerie für ausgewählte Kunst.

A-6020 Innsbruck, Gutenbergstraße 3
Tel. 0512/567101, Fax 567233
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Creatio continua Nr. 3



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Ursymbol des Lebens

Neue Arbeiten von Kuno Vollet

LENA NAUMANN

"Ist auch dein Kreis unscheinbar, eng und klein, erfülle ihn mit deinem ganzen Wesen, bestrebe dich, ein guter Mensch zu sein", schreibt der griechische Dichter Homer im 8. Jh. vor Christus. Diese Textstelle ist das älteste Zeugnis der abendländischen Literaturgeschichte, die den Kreis als einen Raum darstellt, in dem sich individuelles Leben vollzieht. Noch heute ist der Begriff vom Lebenskreis sprichwörtlich. Die indische Philosophie kennt dafür ein ganz eigenes Symbol: das Mandala. Der Mensch entspringt mit der Geburt aus dem Mittelpunkt des Kreises, bewegt sich bis zum äußeren Rand, der symbolisch für die Blüte des Lebens steht, um danach im Tod wieder einzutauchen in die Mitte.

Der Kreis mit seinem Mittelpunkt gehört zu den Ursymbolen des Lebens. Er kann gedacht werden als ein Punkt, der sich aufbläst, die Dimensionen von Zeit und Raum in sich hineinfließen lässt, um sich anschließend wieder in sich selbst zurückzuziehen. Die Mandalaform findet sich in der Atomphysik im Tanz der Elektronen um einen Kern ebenso wie in der Zelle als Grundbaustein organischen Lebens, die alle Informationen für ihre vielfältigen Strukturen und Funktionen aus dem in ihr ruhenden Kern erhält. In jedem Sonnensystem und Spiralnebel begegnet uns dieses Urmuster des Universums ebenso wie in Blütenkelchen, Wasserstrudeln, Schneckenhäusern und Wirbelstürmen...

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Creatio continua Nr. 4


 

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